Waldorfschulen verändern die Welt

1919 wurde die erste Waldorfschule in Stuttgart gegründet – 2019 wird „die Waldorfschule“ 100 Jahre jung!  Das Jubiläum nehmen wir zum Anlass, die Waldorfschule zeitgemäß weiterzuentwickeln und ihre globale Dimension stärker ins Bewusstsein zu rücken. Mit vielen Projekten auf allen Kontinenten. Seid gespannt und seid dabei: 100 Jahre sind erst der Anfang.

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Was ist der Unterschied zwischen „angemessen weiterentwickeln“ und „massiv aufstocken“? An der Antwort auf diese Frage sind gerade die Freien Waldorfschulen höchst interessiert. „Die Finanzhilfe muss massiv aufgestockt werden“, hatte der Bildungspolitiker und jetzige CDU Generalsekretär Kai Seefried bei einer Podiumsdiskussion der freien Schulen im September in Ottersberg gesagt. Im Koalitionsvertrag von SPD und CDU klingt es nicht mehr ganz so euphorisch.

Darin heißt es, man wolle „die Finanzhilfen für bestehende und neu gegründete Schulen in freier Trägerschaft überprüfen und angemessen weiterentwickeln“. Michael Kropp, Geschäftsführer der niedersächsischen Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen, wäre „massiv aufstocken“ lieber. Das sei auch dringend notwendig, schließlich habe es im Jahr 2007 die letzte Erhöhung gegeben, sagt er bei einer schulpolitischen Diskussion in der Waldorfschule Hannover-Bothfeld.

Die Turnhalle ist bis auf den letzten Platz mit interessierten Schülern und Eltern gefüllt. Es geht vor allem ums Geld, denn die Haushalte der Waldorfschulen unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt vom Haushalt des niedersächsischen Finanzministers: Sie sind auf Kante genäht. „Die Waldorfschulen in Niedersachsen bekommen pro Schüler 4300 Euro, das sind 500 Euro weniger als im Bundesdurchschnitt. Wir sollten zumindest schnell auf den Bundesdurchschnitt kommen, um die Existenz der Schulen zu sichern“, fordert Kropp. Der Geldmangel führe langsam zu Problemen mit dem Sonderungsverbot. „Das Schulgeld muss so gestaltet sein, dass Eltern aller Einkommensschichten ihre Kinder an Waldorfschulen schicken können. Wir kommen inzwischen an Grenzen“, schildert er. Ein Vater berichtet, dass er sich einmal zusammengerechnet habe, wieviel er für seine fünf Kinder an Waldorfschulen in zwanzig Jahren gezahlt hat. „Anfang dieses Monats war es der 100.000ste Euro. Gleichzeitig habe ich mit meinen Steuern die öffentlichen Schulen finanziert. Das ist nicht gerecht.“ Der lange Applaus des Publikums ist ihm sicher.

Das Engagement sei bewundernswert, lobt Mareike Wulf, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag. Von der Logik her halte der Staat aber nun einmal auch einen Platz im regulären Schulsystem für die Kinder vor. Deshalb sei das Schulgeld gerechtfertigt. „Dennoch müssen wir etwas tun, damit die Freien Waldorfschulen weiter auskömmlich arbeiten können. Das Angebot bereichert schließlich die Schullandschaft“, so Wulf. Auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Belit Onay sieht das Land stärker in der finanzpolitischen Verantwortung. „Das Geld ist da, wird allerdings mit dem Nachtraghaushalt nicht besonders zielgerichtet ausgegeben. Da gibt es absurde Haushaltsposten wie zum Beispiel viele Hubschrauber und Polizeiautos“, so Onay. Auch für FDP-Bildungspolitiker Björn Försterling ist klar, dass die Waldorfschulen mehr Geld brauchen. „Unter 30 Millionen ist nichts zu machen“, rechnet er vor. Das Geld gebe die Große Koalition aber zum Beispiel für zusätzliche Stellen in den Ministerien aus. Allein diese kosteten rund fünfeinhalb Millionen Euro. „Wenn ich das richtig sehe, sind sich alle drei Vertreter doch einig, Waldorfschulen stärker zu unterstützen“, fasst ein Zuschauer die Antworten der drei Politiker zusammen. „Sie haben gemeinsam doch eine Mehrheit im Landtag. Da könnte man doch was machen, oder?“ Jamaika in der Waldorfschule – Mareike Wulf stockt kurz, jetzt bloß nicht falsch antworten. „Sympathische Idee, aber
wir haben erst einmal einen Koalitionsvertrag.“ Und auch darin sei schließlich enthalten, etwas für die freien Schulen zu tun. So schnell kommt Jamaika also doch nicht – auch nicht in der Bothfelder Waldorfschule.

Man werde oftmals einfach im Schulsystem nicht mitgedacht, heißt es an diesem Abend häufig bei den Waldorfschulen-Vertretern. Das sei auch beim kommunalen Investitionsförderungsgesetz wieder so, denn die freien Schulen würden davon nicht profitieren. Das sieht auch Mareike Wulf. „Das Verfahren ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass wir das für dieses Paket nicht mehr ändern können. Beim nächsten Mal soll der Punkt aber berücksichtigt werden“, verspricht die CDU-Politikerin. „Da kann man doch noch einen Änderungsantrag einbringen, Sie müssen nur zustimmen“, interveniert Försterling gewitzt. „Da bin ich gespannt, es ist aber nicht einfach“, antwortet Wulf ausweichend.

Auch bei der Suche nach neuen Lehrern ist der Geldmangel inzwischen ein systematischer Nachteil. „Das führt manche Schule inzwischen an den Rand der Existenz, unsere Probleme werden oftmals nicht gesehen“, berichtet Kropp. Ein Zuschauer, der seit 30 Jahren Lehrer an einer Waldorfschule ist, berichtet ebenfalls von Nachwuchsproblemen bei der Lehrerschaft, weil Lehrer an Waldorfschulen meistens spürbar weniger verdienen als ihre Kollegen an den staatlichen Schulen. „Inzwischen sagen Studenten: Ich wäre auch gerne Waldorflehrer, aber ich kann es mir einfach nicht leisten“, sagt der Lehrer. Er fragt sich, ob die Politik die Waldorfschulen möglicherweise zwar nicht offiziell abschaffen, ihnen das Wasser aber soweit abgraben wolle, bis die Arbeit dort nicht mehr möglich sei.

So viel Strategie ist der Landespolitik allerdings kaum zuzutrauen. Allein das System der Finanzhilfe durchblickt inzwischen niemand mehr. Michael Kropp spricht von einem historisch gewachsenen System, bei dem heute niemand mehr so genau die Grundlage kenne. Auch Wulf meint, das System sei seit Jahren nicht mehr überarbeitet worden. Schockierend, nennt das Björn Försterling. Dabei sei es doch eigentlich ganz einfach, zumindest die Landeskosten eines Schülers einmal auszurechnen. „Es gibt standardisierte Personalkostensätze. Da muss ich mich nur drei bis vier Wochen einmal mit meterlangen Excel-Listen einschließen. Und dann weiß ich, wie hoch die Personalkosten pro Schüler in welcher Schulform sind“, so der FDP-Politiker. Vielleicht muss man für diese Aufgabe aber auch die Excel-Kenntnisse erste einmal „angemessen weiterentwickeln“. (MB.)

Quelle: Rundblick - Politikjournal für Niedersachsen #033 vom 19.02.2018

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